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30. Januar 2019

Krasse Diskriminierung

PRESSEAUSSENDUNG

Abdruck honorarfrei
29.01.2019, Wien Kultur/Film/Festival
aktualisiert am 30.01.2019

Das Rumoren in der Wiener Filmfestivalszene hält an: Die Organisatoren von LET’S CEE sagen die heurige Ausgabe ihres Festivals ab und kritisieren die Fördervergabe durch die Stadt Wien und das Bundeskanzleramt.

Nach sechs Festivals mit insgesamt 610 Filmen, über 76.000 Besuchern, mehr als 600 meist internationalen Festival-Gästen und über 1000 Filmvorführungen sowie hunderten weiteren Veranstaltungen ist vorläufig Schluss: Die für Mai geplante siebente Ausgabe des auf Filme aus Zentral- und Osteuropa spezialisierten LET’S CEE Film Festivals wird nicht stattfinden.

„Man will uns in Wien offenbar nicht haben“, sagt Magdalena Żelasko, Gründerin und Direktorin des LET’S CEE Film Festivals. „Wir werden von den beiden wichtigsten Kulturförderstellen Österreichs, der Kulturabteilung der Stadt Wien und dem BKA, nach wie vor massiv benachteiligt.“ Für ein 180 Filme, über 400 Screenings und zahlreiche Rahmenveranstaltungen umfassendes 12-tägiges Programm hatte man für heuer um 85.000 Euro bei der MA 7 und um 65.000 Euro bei der Filmabteilung im BKA angesucht, bewilligt wurde nur knapp ein Drittel. „Mit diesem Geld kann man ein Festival wie unseres nicht einmal veranstalten, wenn wir es komplett ehrenamtlich organisieren würden. Das wissen die Verantwortlichen natürlich“, so Wolfgang P. Schwelle, der gemeinsam mit Żelasko das Festival leitet und offen von Diskriminierung spricht. Mit der zuerkannten Förderung hätte man pro Film, pro Screening, pro Kinobesucher, pro Veranstaltung des Rahmenprogramms etc. nämlich nur zwischen sieben und 28 Prozent dessen bekommen, was alle anderen von der MA 7 geförderten Filmfestivals dafür im Durchschnitt bekommen.  

Dass die Orientierung am filmkulturellen Schaffen der CEE-Region und entlang von wichtigen Themen wie Integration, Völkerverständigung, Sprachenvielfalt, Diversität, Europa, Erinnerungskultur und Menschenrechte weniger förderungswürdig sein soll oder gar weniger gesellschaftlichen und kulturellen Nutzen verspricht als die Ausrichtung anderer Festivals, wollen die Festivaldirektoren in einer Stadt, in der über 50 Prozent der Einwohner Migrationshintergrund haben, nicht glauben.

Żelasko: „LET’S CEE ist eine von ganz wenigen Kulturinitiativen, die die Herkunftskulturen der in Wien lebenden Menschen aus Zentral- und Osteuropa in den Mittelpunkt stellt. In einer Zeit, in der der Nationalismus vielerorts wieder gefährlich auf dem Vormarsch ist, entzieht man einem Projekt, das sich völlig unmissverständlich dem Dialog verschrieben hat, nun endgültig die Existenzgrundlage. Das mag verstehen wer will, wir verstehen es nicht“.

„Sachlich lässt sich eine derartige Schlechterstellung einfach nicht rechtfertigen. Wenn wir also von Diskriminierung sprechen, ist das keine Jammerei, sondern eine Tatsachenfeststellung“, so Schwelle, der eine Krise der Wiener Filmfestivals ortet: „Wir sind ja nicht die Einzigen, die zuletzt unter Druck gekommen sind. Das Kino unter Sternen musste 2018 aufgeben, identities hat für heuer um keine Förderung mehr angesucht, die Poolinale ist Geschichte und uns hat man zunehmend ausgehungert. Hier läuft seit einiger Zeit sehr Vieles falsch.“ Der jüngst erfolgte Austritt aus dem Forum Österreichischer Filmfestivals (FÖFF) wäre in diesem Zusammenhang ebenfalls als Zeichen des Protests zu sehen.

Massive Kritik üben Schwelle und Żelasko auch an der Praxis der Filmfestivalförderung in der MA 7 und in der Filmabteilung im BKA. Kritisiert wird die Zusammensetzung der Beiräte, die Nichtbeachtung von Förderkriterien, die Intransparenz und mangelnde Nachvollziehbarkeit von Förderentscheidungen sowie der Fristenlauf bei der Fördervergabe. „Für uns kommen dringend nötige Änderungen hier vermutlich zu spät, aber es wäre wohl im Sinn der Steuerzahler, wenn eine ganze Reihe offener Baustellen endlich in Angriff genommen würde“, meint Żelasko, die eine Rückkehr auf die Festivalbühne im Jahr 2020 freilich nicht dezidiert ausschließen möchte. 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, 15 Jahre nach der EU-Osterweiterung sowie knapp vor den kommenden Wahlen zum Europäischen Parlament habe die erzwungene Absage mit Sicherheit große Symbolkraft – eine Wiederkehr im Folgejahr hätte diese freilich auch.

Hier finden Sie unsere (laufend aktualisierten) Antworten auf die Reaktionen seitens der Stadt Wien: www.letsceefilmfestival.com/pressemitteilungen-detail/items/570.html

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Filmfestivals – Daten und Fakten
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