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17. März 2017

Spielfilm-Wettbewerb

Kurator Tomasz Raczek über den diesjährigen Spielfilm-Wettbewerb

In Zeiten, in denen Wertvorstellungen zunehmend ins Wanken geraten, lenken immer mehr Menschen ihre Aufmerksamkeit auf künstlerisches Schaffen. Auch wenn Künstler nicht unbedingt mehr wissen als wir. Aber vielleicht fühlen sie einfach mehr? Vielleicht sind es ausgerechnet sie, die Antworten haben. Vielleicht können sie unsere alltägliche Furcht lindern. Uns besänftigen? Die diesjährigen Wettbewerbsfilme werden uns jedoch mit Sicherheit nicht beruhigen. Sie demonstrieren vielmehr, dass sich die Filmemacher genauso verloren fühlen wie wir. Sie sammeln Bruchstücke der Realität, verwandeln sie in ein Kunstwerk und vermitteln es uns so, dass wir es nicht übersehen können. Sie versuchen nicht zu verallgemeinern, sondern möchten nur davon erzählen, was sie vor Augen haben. Manchen Filmen gelingt es, uns zu überraschen. So etwa die ungarische Geschichte Kills on Wheels, in der Menschen mit Behinderung sehr ungewohnte Rollen einnehmen. Manchmal handeln sie wiederum von Angst, wie etwa im zweiten ungarischen Wettbewerbsbeitrag The Citizen. Hier steht nämlich die Flüchtlingsthematik im Mittelpunkt, die offenbar immer mehr Menschen in Europa überfordert. Vermutlich empfinden wir gerade deshalb momentan ein starkes Bedürfnis nach ruhigen Geschichten über Schicksale, die in der Tradition des eigenen Platzes in der Welt verankert sind. Train Driver’s Diary aus Serbien erzählt vom Schicksal zweier Lokführer, Vater und Sohn, die sich fern von globalen Spannungen abspielt. Der rumänische Beitrag Illegitimate ist eine andere Art der Familiengeschichte und verdeutlicht die tiefe Kluft und das Unverständnis, die oft zwischen den Generationen innerhalb einer Familie bestehen. Der slowenische Film Nightlife macht darauf aufmerksam, dass wir Ruhm manchmal höher schätzen als Gesundheit oder gar das Leben. The Constitution aus Kroatien wiederum ähnelt einem Zauberwürfel, in dem alles miteinander vermischt ist: Wahrheit und Imitation, Liebe und Wahnsinn. Wie soll man in solchen Zeiten leben? Death in Sarajevo aus Bosnien Herzegowina ist im Grunde genommen eine traurige Geschichte. Der Schatten des Attentats auf Erzherzog Franz Ferdinand schwebt immer noch über der Stadt und die Vorstellung vom Krieg scheint verblüffend gegenwärtig. Auch der polnische Film Playground tröstet nicht: Das Böse verbirgt sich scheinbar in jedem von uns und wartet nur auf einen günstigen Moment, uns endlich zu beherrschen. Dass die Flucht in den Konservatismus und die rigorose Einhaltung von Regeln keine guten Lösungen sind, verbildlicht schließlich The Student aus Russland. Und wie steht es um die Rolle der Frau in einer zerbröckelnden Männerwelt? Davon handeln gleich zwei Filme: der georgische Beitrag Anna’s Life und The Nest of the Turtledove aus der Ukraine. Sie geben ebenfalls keine fertigen Antworten, lassen uns jedoch nicht in Verzweiflung geraten. Denn eigentlich lautet die zentrale Botschaft hier: Mit jedem Tag werden die Frauen stärker.

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